Selbstkontrolle bei epileptischen Anfällen
Viele Menschen mit Epilepsie ziehen sich aus Angst vor den Anfällen, aber auch aus Angst vor den Vorurtei-len, die mit dieser Krankheit verbunden sind, zurück. Aus diesem Rückzugs- und Vermeidungsverhalten, welches in einem Teufelskreis immer weiter verstärkt werden kann, resultieren nicht selten soziale Isolation, Angsterkrankungen und Depressionen. Selbst wenn medikamentös oder chirurgisch Anfallsfreiheit erreicht werden kann, ist damit nicht gesichert, dass dadurch auch solche eingespielten Verhaltensweisen verändert oder aufgehoben werden. Damit die Mechanismen solcher Teufelskreise in einem ersten Schritt verstanden werden können, brauchen Menschen mit Epilepsie oftmals psychotherapeutische Unterstützung. In einem zweiten Schritt geht es dann um das gemeinsame Erarbeiten von Lösungsmöglichkeiten. Damit eine vom Patient gewünschte Entwicklung begonnen oder fortgesetzt werden kann, wird versucht, vorhandene Res-sourcen zu unterstützen und auszubauen.
Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass die Lebensumstände und das Verhalten epilepsiekranker Menschen die Wahrscheinlichkeit, mit einem Anfall zu reagieren, erhöhen oder auch vermindern können. Der davon ausgehende Ansatz der Selbstkontrolle epileptischer Anfälle berücksichtigt die folgenden Faktoren: Erstens eine erworbene oder ererbte, organische Bereitschaft, mit epileptischen Anfällen zu reagieren; zweitens verschiedene belastend wirkende externe und interne Stimuli, die oftmals erst in ihrer Summe für den jewei-ligen Patienten zu kritischen Reizkonstellationen werden und drittens ungünstige körperliche und emotionale Verfassungen oder Grundgestimmtheiten. Wirken diese Faktoren ungünstig zusammen, erhöht sich das Anfallsrisiko. Je nach Bedeutung der einzelnen Faktoren kann dann das Verhalten von Menschen mit Epi-lepsie - das heißt, die individuelle Reaktion auf ein erhöhtes Anfallsrisiko - zu einem weiteren entscheiden-den Faktor für die Anfallsauslösung werden.
Ausgehend von diesem Modell können verschiedene Strategien der Anfallsselbstkontrolle erarbeitet werden: Wenn definierbare kritische Reizkonstellationen oder ungünstige körperliche und emotionale Verfassungen das Anfallsrisiko erkennbar erhöhen und die erkannten anfallsfördernden Faktoren vermeidbar sind, ist die Vermeidung/Veränderung dieser anfallsauslösenden Faktoren eine vielversprechende Therapiemaßnahme. Eine zweite Therapiemöglichkeit ist die Ermittlung anfallsverhindernder Verhaltensweisen und die Anleitung der Patienten, wie sie diese Verhaltensweisen in Situationen mit erhöhtem Anfallsrisiko einsetzen können. Falls diese Möglichkeiten nicht zum gewünschten Erfolg führen, gibt es bei anfallskranken Menschen mit einem Vorgefühl (Aura) die Möglichkeit, den beginnenden Anfall mit einem auf die individuellen Vorgefühle abgestimmten Gegenmittel abzuwehren.
Der Effekt der Selbstkontroll-Therapie besteht darin, dass über die Entwicklung von konkreten Gegenmaß-nahmen die direkte Handlungsfähigkeit im Umgang mit der Epilepsie zunächst erweitert wird. Dadurch ver-liert der einzelne Anfall seinen Schrecken, die Epilepsie wird von den Betroffenen nicht mehr als ausgren-zender Makel verstanden, sondern kann als Aufgabe begriffen und Stück für Stück angenommen werden. Dies hat eine offene und produktive Auseinandersetzung mit der Krankheit zur Folge, in deren Verlauf es zunehmend gelingt, das eigene Anfallsverhalten zu verstehen.
Daraus resultiert ein wachsendes Gefühl von Kontrolle, Angstabbau und schrittweise eine Überwindung des Gefühls, der Krankheit hilflos ausgeliefert zu sein. Über die sich damit entwickelnde Handlungskompetenz und das zunehmende Wissen über die Krankheit gelingt es wiederum, die Aktivität der Patienten weiter zu strukturieren, ggf. eine weitere Verbesserung der Gegenmaßnahmen zu erreichen und das Kontrollgefühl und Selbstvertrauen der Patienten weiter zu stärken. Damit ist ein sich selbst stabilisierender positiver Zyklus in Gang gesetzt.
Hinsichtlich der Anfallsreduktion lassen sich die Effekte der Anfallsselbstkontrolle durchaus mit denen der neuen Antiepileptika vergleichen. Sie liegen bei einer durchschnittlichen Verminderung der Anfallsfrequenz um 40-50%. In Einzelfällen kann sogar Anfallsfreiheit erreicht werden. Die Stärke dieser Ergänzung der Epi-lepsietherapie liegt aber vor allem darin, das Verhalten der Betroffenen als eine Ressource zu nutzen, um sich selbst aktiv zu helfen. Die Erfahrungen, welche die Patienten dabei sammeln, können zu einer Verbes-serung des Kontrollgefühls und darüber hinaus zu einer Steigerung der Lebensqualität beitragen.
Gerd Heinen, Psyhologischer Psychotherapeut (Verhaltentherapeut) Berlin
siehe auch Epilepsie-Aspekte "Selbstkontrrolle°
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Letzte Aktualisierung: 03.08.2010
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